Beamtenverschwörung im Stuttgarter Rathaus

Eigentlich wollte ich nicht, dass meine Mutter und mein Exfreund wissen, was ich arbeite, noch sonst irgend jemand. Es sind so viele Neider unter meinen Mitmenschen, dass es nur Unmut

hervorgerufen hat, als ich vor 1 Jahr gesagt habe: „Ich habe einen Job als Lehrerin“. Mediengestalterfirmen antworten in letzter Zeit nicht auf Bewerbungen, wenn dann mal ein Vorstellungsgespräch ist, dann sieht man dort nur männliche Mitarbeiter, die dann deine Kollegen werden würden, wenn sie dich nehmen würden.

Ich erschien also im Schulamt im November 2017, vorbereitet darauf, wie eine Lehrerin auszusehen, wie sie sich ein konservativer CDU-Politiker vorstellt. Denn nur solche werden genommen, das habe ich schon während meines Referendariats fest gestellt. Wer nicht CDU wählt und eine konservative Einstellung hat, wird in vielen Schulen gemobbt und nicht übernommen. Also ging ich hin, mit frisch blondierten Haaren und rosa Oberteil, Kontaktlinsen, immer noch dunkelgrünen Augen, habe ich vom Schulrat und der Schulrätin gesagt bekommen, dass es an allen Schulen in Stuttgart 70 % Lehrer gibt und überall 30 % fehlen. Ich dürfte mir eine Schule aussuchen, an der ich arbeiten will. Sie fragten zwar, ob ich Kinder hätte, meine Verneinung haben die aber nicht richtig verstanden. Schließlich war ich nach der Ausbildung in die-„Einstellungsstopp“ Zwangspause geschickt worden, um gefälligst irgendwann erst wieder mit Kindern zurück zu kommen, ohne dabei arbeiten zu dürfen, um sie eventuell zu ernähren oder einfach gefälligst Hausfrau zu werden. (Ich war danach Mediengestalterin geworden). Die Männer lachen sich da ja eh ins Fäustchen und denken, sie wird dann schwanger und kommt nie mehr wieder und die Frauen mit Kindern, die stellen sie nicht so gerne ein, sagte mein ehemaliger Rektor. Dann hast du 2 Staatsexamen als Lehrerin, um deinen Söhnen (anderes ist ja unerwünscht) besser Nachhilfestunden zu geben und ihre Hochbegabung für das  Medizinstudium mit Einstellungsgarantie zu fördern. 

Die beiden Schulräte/innen versprachen mir also, meine Bewerbung an die verschiedenen Schulen weiter zu leiten und mir Arbeit zu suchen. Ich lehnte mich zurück, die beiden haben gerade alle meine Auflagen als Arbeitslose für mich übernommen, ich musste nur noch warten. Verschiedene Schulen sollten mich zur Hospitation einladen. 

Es riefen mich eine Rektorin und ein Rektor an. Ich ging an die Schule, für die ich im Hauptfachstudium ausgebildet war und sagte dort zu.  

Ich muss kurz erklären, dass ich eine Schweigepflichtsverpflichtung unterschrieben habe und das ich dadurch in der Berichterstattung etwas eingebremst werde. Ich bekam den berühmten befristeten Vertrag vom 7. Januar bis zum Ende des Schuljahres am 25. Juli. Das macht sich nicht so gut in der Arbeitslosenversicherung und auch nicht auf dem Konto. Für 2 Monate im Jahr werden nur 3 Wochen bezahlt. Ich musste einen Unterrichtsbesuch vom Rektor hinter mich bringen und der bestätigte mir, dass ich die Probezeit bestanden hätte. Am Ende des Schuljahres trudelten bei mir die Emails mit den Jobangeboten für das nächste Schuljahr ein. Der Rektor, der inzwischen im Ruhestand ist, forderte mich auf, an eine andere Schule zu wechseln, obwohl zuerst ausgemacht war, dass ich bleiben dürfte, dies wäre aber nochmals zeitlich befristeter Vertrag gewesen. Ich bekam dort ein Angebot, für eine Festanstellung mit Verbeamtung. Ich sollte noch in der selben Woche zum Vorstellungsgespräch dort zum Rektor. Dies verlief so, dass er mich hauptsächlich fragte, ob ich als Mediengestalterin die Programmierung der Schulwebsite übernehmen würde und die Flyer für die Veranstaltungen gestalten könnte. Ich sagte ja. Ich sollte darauf hin ein Papier unterzeichnen, dass ich nach den Sommerferien den Arbeitsvertrag unterzeichnen würde und nicht an einer anderen Schule arbeiten werde. Ich wurde fast genötigt, mich für diese Schule zu entscheiden. Am Ende der Sommerferien bekam ich vom Schulamt eine Einladung zur feierlichen Vereidigung am 7. September 2018 als Beamtin im Rathaus Stuttgart. „Bitte in angemessener Kleidung.“  Die Erziehung der Schulrätin, was unsere Kleidung betraf, nahm ich sehr ernst und kaufte mir was neues, graues, möglichst Konservatives, das nach Beamtin aussehen soll. Drei Tage vor diesem Termin rief das Schulamt an und sagte, sie können mich jetzt doch nicht verbeamten, weil ich die beamtenrechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllen würde. Ich ärgerte mich sehr und sagte, ich werde einen Anwalt fragen, was er dazu sagt. Ich war arbeitslos in den Sommerferien und Beamte bekommen das Septembergehalt im Voraus gezahlt, so dass ich mich wegen 2 Wochen gar nicht erst arbeitslos gemeldet hatte. Als erstes musste ich also nochmal ALG2 beantragen für den September. Eine Gehaltszahlung, die mir fest zugesagt worden war, ist so weggefallen. Das ALG 2 habe ich nich mehr bekommen. Das wußte das Regierungspräsidium schon, denn ich hatte schon einen Vertrag versprochen bekommen für diesen Monat. Sie haben es mir wohl extra spät gesagt, damit ich von meinen Ersparnissen, also meinem Schonvermögen leben muss, muss der Antrag im Monat September erst abgegeben werden. Dies bestätigte das Jobcenter. Ich versuchte noch mit dem Regierungspräsidium zu verhandeln, was denn die Beamtenrechtlichen Voraussetzungen seien. Der Bearbeiter dort sagte, ich sei zu alt. Dies haben sie vorher auch gar nicht gewußt, denn sie hatten meine Unterlagen schon seit über einem halben Jahr gehabt, auch als sie mir die feierliche Einladung zur Beamtenvereidigung schickten. 

Frau R. Vom Schulamt bestätigte telefonisch, dass ich zu der Veranstaltung im Rathaus dennoch kommen sollte. Auf der Einladung stand, vorher sei ich noch in einen Gottesdienst eingeladen. Den habe ich einfach ignoriert. 

Vor der Türe traf ich die Gewerkschaften und einen Herrn aus dem Personalrat, den ich von früher kannte. Er sagte mir, ich hätte keine richtige Verbeamtung gekriegt, wegen des Alters, wenn ich Kinder gehabt hätte, wären diese auf das Alter angerechnet worden. Das hätte mich also jünger gemacht. 

Die Lehrerinnen und Lehrer, die nur Angestellte Lehrerinnen werden sollten, waren ungefähr 10 von ca 300 Leuten, die anwesend waren. Die kirchlichen Schuldekaninnen hielten Reden, davon, dass all diese LehrerInnen unendlich wertvoll wären und noch weitere 700 davon fehlen würden. Wir sollten also hingehen und uns „KLONEN“. (Mal wieder diese Aufforderung Kinder in die Welt zu setzten), welche wie uns würde man brauchen. Eine Schülerin eines Gymnasiums war in ihren Ferien gekommen, um für uns eine Arie aus dem Musical Annie zu singen und wir wurden als die Elite Stuttgarts gefeiert, auch wenn dieses Wort nicht gefallen ist. Irgend jemand erwähnte noch, das Grünsein dieser Stadt. 

Dann kam der Teil mit der Verschwörung, also Vereidigung. Also wir alle sollten schwören, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg einzuhalten. Später unterschreiben wir noch, dass wir keine Straftäter oder Schuldner seien, keine Korruptionsgelder entgegen nehmen würden und niemanden aus dem Gefängnis befreien werden. Alle, die nicht richtig verbeamtet würden, sondern nur Angestellte werden, sollten die Hand nicht heben, aber alle sollten den Eid sprechen. Die Beamtenverschwörung fand statt und alle wunderschönen neuen blondgelockten Lehrerinnen im schwarzen Männeranzug und einen Nonne in der Tracht der Franziskaner, die Lehrerinnenjobs bekommen hatten, wenige männliche Lehrer und ein paar Fachlehrer von meiner alten Schule, die mit zerrissenen Jeans gekommen waren, wurden als Beamte des Landes Baden-Württemberg vereidigt. 

„Eidesformel: Ich schwöre, dass ich mein Amt nach bestem Wissen und Können führen, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die Landesverfassung und das Recht achten und verteidigen und Gerechtigkeit gegen jedermann übe werde. So wahr mir Gott helfe.**

** Der Eid kann auch ohne Beteuerung geleistet werden.“

Wir anderen, vom Diskriminierungsgebot äh—verbot des Grundgesetztes ausgenommenen, aussätzigen 10 durften danach in das Rathaus Hinterzimmer kommen und unsere Arbeitsverträge und Unterlagen unterschreiben. Einige waren sehr junge Frauen (SIE HÄTTEN SCHWANGER WERDEN KÖNNEN! (Entsetzen beim Arbeitgeber… wurde an diesem Ort nicht laut ausgesprochen, aber sonst schon.) und ein paar Frauen mit offensichtlichem Migrationshintergrund, Kopftuch oder dunkelhaarige Frauen und ein Herr im Rentenalter und ich, die Frau ohne Kinder, Ehemann und Kirche, die einfach viel zu alt ist. Mein Vertrag besagt, dass ich eine Unterrichtstätigkeit als Lehrkraft an einer Sonderschule antreten solle. 

Danach gab es Sekt und Brezeln. 


Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Art 3 

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.


Oder: Der Staat fördert die tatsächliche Unterdrückung der Frauen und arbeitet auf die Erschaffung und Erhaltung bestehender Nachteile hin?

Nachtrag vom 8.3.19:  Als ich zu diesem Schwur eingeladen war, wußte ich nichts über den Inhalt der Verfassung des Landes Baden Württemberg. Ich habe die Widersprüchlichkeit zum deutschen Grundgesetz erst später erkannt. Fortsetzung hier.


Fortsetzung: Lehrermangel: Studiengang Hausfrau

Arbeitsverbot für Frauen: Kopftuchlehrerin

© 26 Dezember 2018 J.Arnold. Stuttgart, Deutschland. Artemisnews.de

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